Initiative Staats- und Stadtbibliothek Augsburg

Donnerstag, 3. Dezember 2015, 18:30 Uhr

Vortrag von PD Dr. Andreas Bähr (Humboldt-Universität zu Berlin / Freie Universität Berlin): Listen der Vorsehung Schiffbruch in frühneuzeitlicher Autobiographik

Schiffbruch ist das Ende einer Seefahrt: das "Zerscheitern" der Planken. Doch er kann auch noch mehr sein: der Beginn einer neuen Reise. Der Vortrag diskutiert frühneuzeitliche autobiographische Schriften, deren Autoren und Autorinnen im Schiffbruch das Walten einer göttlichen Vorsehung erkannten. Die Vita des Jesuitenpaters und Universalgelehrten Athanasius Kircher (1602-1680) sticht unter ihnen besonders hervor. Sie erzählt den Schiffbruch, den Kircher 1633 im Mittelmeer erlitt, als die Geburtsstunde einer außergewöhnlichen wissenschaftlichen Karriere in Rom.

Dr. Andreas Bähr ist Privatdozent für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin und arbeitet an der Humboldt-Universität zu Berlin an einer Biographie Athanasius Kirchers. Er ist Autor von Schriften zur Problematisierung von Selbsttötung in der Aufklärung und zur Thematisierung von Furcht und Angst im 17. Jahrhundert. Darüber hinaus hat er, neben frühneuzeitlichen Schiffbrüchen, zum Untergang der Titanic 1912 publiziert.

 

Donnerstag, 29.10.2015, 18:30 Uhr

Vortrag von Dr. Berthold Kreß (London): Offenbarung im Diagramm - eine Handschrift von Paul Lautensack (1477/78-1558)

Zu den ungewöhnlichsten Objekten der Augsburger Staats- und Stadtbibliothek gehört eine als ‚Offenbarung Jesu Christi‘ betitelte Handschrift des Nürnberger Malers Paul Lautensack, die auf das Jahr 1535 datiert ist. Fast jede ihrer Seiten zeigt hochkomplexe Zeichnungen und Diagramme, die eine rätselhafte Mischung aus biblischen Szenen und Zitaten, Buchstaben und Zahlen enthalten. Diese Darstellungen, die erst vor wenigen Jahren entschlüsselt werden konnten, zeigen, wie Lautensack versuchte, die neuen Ideen der Reformation, und vor allem die Lutherbibel, zu verstehen, und wie er sein Handwerk vor den Angriffen der Bilderstürmer verteidigen wollte. Sie sind deshalb von besonderer Bedeutung, weil die Handwerker in den Städten zwar für den frühen Erfolg der Reformation entscheidend waren, aber nur wenige von ihnen schriftliche Zeugnisse hinterließen. In diesem Vortrag werden die Diagramme der Augsburger Handschrift vorgestellt und in den Zusammenhang der Reformationsgeschichte und der Bilderwelt des 16. Jahrhunderts gestellt.  

Dr. Berthold Kreß studierte Kunstgeschichte in München und Cambridge, wo er im Jahr 2007 mit einer Arbeit über Paul Lautensack promoviert wurde. Nach Forschungsstipendien und Aufenthalten als Gastwissenschaftler in Cambridge, Princeton und San Marino (Kalifornien) wurde er wissenschaftlicher Assistent am Warburg Institute (London), wo er vor allem für die Photothek und die darauf aufbauende ikonographische Datenbank arbeitet. Seine Forschungsschwerpunkte sind deutsche Kunst der Reformationszeit, frühe Buchillustrationen und das Buch Daniel in der mittelalterlichen Kunst.  

 

Dienstag, 14. Juli 2015, 18:30 Uhr

Vortrag von Dr. Martina Steber (Institut für Zeitgeschichte München-Berlin):

Ausgeliefert: Arthur Piechler und die nationalsozialistische Herrschaft in Augsburg

Als Organist, Chorleiter und Komponist bereicherte Arthur Piechler (1896–1974) das musikalische Leben Augsburgs von den 1920er bis in die 1950er Jahre. Er wirkte an der Basilika St. Ulrich und Afra und am Städtischen Konservatorium, dem er schließlich von 1945 bis 1955 als Direktor vorstand. Die Hoffnung auf eine strahlende berufliche Zukunft, die Augsburg dem Hochbegabten 1925 verheißen hatte, brach indes seit 1933 Stück für Stück zusammen.

Nach den Rassegesetzen der Nationalsozialisten galt der in der katholischen Welt verwurzelte Piechler als »Halbjude« und war zunehmender Diskriminierung und schließlich Verfolgung ausgesetzt. Da in den nationalsozialistischen Führungszirkeln über den Umgang mit den sogenannten »jüdischen Mischlingen« lange keine Einigkeit herrschte, blieb der Status der Betroffenen prekär. Sie waren dem Regime auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Dass dabei lokale Machtkonstellationen über Leben und Tod entscheiden konnten, wird am Beispiel Arthur Piechlers deutlich. Sein Überleben verdankte er letztlich dem nationalsozialistischen Oberbürgermeister Augsburgs, Josef Mayr. Warum das so war, zeigt Martina Stebers Vortrag und gewährt damit einen tiefen Einblick in die Funktionsweisen nationalsozialistischer Herrschaft in Augsburg.

Dr. Martina Steber ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin. Sie wurde 2007 an der Universität Augsburg promoviert, forschte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, am Deutschen Historischen Institut London und am Historischen Kolleg München. Sie ist Habilitandin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der deutschen und britischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.

 

Donnerstag, 25. Juni 2015, 18:30 Uhr

Vortrag von Prof. Dr. Franz Körndle (Augsburg):

Orgelzentrum Reichsstadt Augsburg. Die älteste Orgel Süddeutschlands in historischen Dokumenten

Im Jahr 1609 errichtete der Orgelbauer Marx Günzer (1579‒1628) in der Augsburger Barfüßerkirche ein neues Orgelwerk. Man kann dieses Instrument als Ausdruck protestantischen Bürgerstolzes verstehen, war doch eine Vielzahl der Orgeln in den katholischen Kirchen der Stadt von den Fuggern mit großem Aufwand finanziert worden, sogar die berühmte Orgel in St. Anna gehörte der Familie. Einträge in Chroniken dokumentieren das Ereignis ebenso wie auch die weitere Entwicklung des Orgelgebrauchs in Evangelisch Heilig Kreuz und auch St. Anna und weisen auf eine progressive Haltung Augsburgs als Orgelzentrum in der Zeit um 1600. Da die Barfüßerkirche zum Jubiläum des Augsburger Religionsfriedens 1755 eine neue Großorgel in Auftrag gab, wurde das Günzer-Instrument nach Gabelbach verkauft, wo es als heute älteste noch existierende Kirchenorgel Süddeutschlands derzeit restauriert wird. Die Arbeiten werden 2015 zum Abschluss kommen und die einzigartige Möglichkeit bieten, Augsburger Orgelkunst im Klang von 1609 wieder erleben zu können.

Die Staats- und Stadtbibliothek Augsburg bewahrt nicht nur Dokumente zur Geschichte der Orgel auf, sondern auch Kupferstiche aus dem 18. Jahrhundert mit Darstellungen des Instruments im damaligen Kirchenraum. Die Dokumente wie auch die großformatigen Abbildungen werden beim Vortrag ebenso zu sehen sein wie Noten von Orgelmusik aus der Entstehungszeit.

Prof. Dr. Franz Körndle ist Professor für Musikwissenschaft an der Universität Augsburg. Publikationen zu Kirchenmusik, Jesuitendrama, Tasteninstrumente des 18. und 19. Jahrhunderts, Liedästhetik sowie Landesgeschichte.

 

Dienstag, 19. Mai 2015, 18:30 Uhr

Vortrag von Dr. Christoph Großpietsch (Salzburg):

Grassi malt Mozart. Ein rätselhaftes Mozartporträt und Augsburger Miniaturen

Bis ins 18. Jahrhundert stellte die Miniatur in ihrer Reduziertheit ein herausgehobenes Bildnis dar. Einige in Zusammenhang mit der Familie Mozart stehende Miniaturen haben direkt mit Augsburg und mit der Staats- und Stadtbibliothek zu tun. Nicht nur sie werden vorgestellt. Im Mittelpunkt steht die 1783 entstandene Bildnisminiatur des Wiener Porträtisten Joseph Grassi (1757-1838), die irritiert, da sie Mozart ungeschönt zeigt. Erst kürzlich konnte sie als authentisches Mozartbild bestimmt werden und beweist: Mozart hatte gar nicht die anmutigen Züge, die wir hundertfach auf Bildnissen von ihm kennen.

Dr. Christoph Großpietsch ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Stiftung Mozarteum Salzburg und Mitglied des Teams der Digitalen Mozart Edition (DME). Er ist Autor von Schriften zur Mozart-Biographik und -rezeption und spezialisiert im Bereich der Ikonographie und Provenienz von Mozart-Bildnissen. Als Kurator der 2013 in Salzburg gezeigten internationalen Ausstellung Mozart-Bilder, Bilder Mozarts legte er zu diesem Thema einen umfangreichen Katalog vor.

 

Donnerstag, 23. April 2015, 18:30 Uhr

Vortrag von Prof. Dr. Werner Williams-Krapp und Dr. Kristina Freienhagen-Baumgardt (Augsburg):

Johannes Geiler von Kaysersberg in Augsburg (1488) – Der bedeutendste Prediger der Zeit unterrichtet die Laien der Reichsstadt

Der charismatische Johannes Geiler von Kaysersberg (1445–1510) war der bedeutendste und bekannteste deutsche Prediger des 15. Jahrhunderts. In seinen lebhaften Predigten übte er scharfe Kritik am Zustand der Kirche und dem reformunwilligen Klerus und kann deswegen in gewisser Hinsicht als ein Vorgänger Martin Luthers gesehen werden. Im Jahre 1488 lud der in der Kirchenreform engagierte Augsburger Bischof Friedrich von Zollern seinen engen Freund, Johannes Geiler, nach Augsburg ein, um ihn in der Stadt mit einer Prädikatur am Dom zu etablieren, was allerdings nicht gelingen sollte.  Geiler hielt seine Ansprachen zwischen dem 29. September und 28. Dezember 1488 vor einem höchst enthusiastischen Publikum und bot den Hörern mit einer geschickten rhetorischen Strategie recht anspruchsvolle theologische Lehre und Kritik an gesellschaftlichen Missständen. Sein Predigtwerk ist in der äußerst seltenen Überlieferungsform der Predigtnachschriften erhalten.

Zu den wichtigsten Textzeugen gehört eine Handschrift der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg. Es handelt sich dabei um die ersten zur Veröffentlichung gekommenen Predigten Geilers überhaupt. Verfasser der Nachschriften war höchstwahrscheinlich der Weber und Liederdichter Jörg Preining, der sich in der Nähe von Ketzergruppen bewegte und schließlich 1504 aus Augsburg vertrieben wurde.

In einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt von Prof. Dr. Werner Williams-Krapp an der Universität Augsburg wurde das Predigtwerk in seinen fünf Redaktionen ediert. Der Band wird zusammen mit der von Jörg Preining geschriebenen Augsburger Handschrift in der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg vorgestellt.

Kristina Freienhagen-Baumgardt, Werner Williams-Krapp (Hgg.) unter Mitwirkung von Katrin Stegherr, Johannes Geiler von Kaysersberg, Die Augsburger Predigten (Deutsche Texte des Mittelalters 92). Berlin, Boston 2015.

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